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Trauern heißt auch Liebe – die Geschichte von Sternenkind Florian

von Daniela Mundt | Gespräch mit Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Aus dem Podcast Plötzlich! Sternenmama

Andrea hat fünf Kinder. Ihr drittes Kind, Florian, ist ein Sternenkind. Sie erzählt uns vom Zeitpunkt der Schwangerschaft, berichtet von dem Moment in dem sie im Beisein ihrer größeren Tochter die Diagnose „kein Herzschlag mehr“ bekommen hat, dass ihr Sohn in der 17. SSW geboren wurde und wie Florian einen festen und sichtbaren Platz in der Familie hat. Außerdem erzählt Andrea von ihrer Folgeschwangerschaft und warum es für sie das Richtige war, ihr Regenbogenbaby per Einleitung zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt zu bringen.

Wie viele Kinder und Sternenkinder hast Du?

Ich bin Andrea, ich bin mittlerweile 40 Jahre alt, bin seit 14 Jahren verheiratet und habe fünf Kinder, wobei unser mittleres Kind ein Sternenkind ist. Das ist der Florian, der ist 2016 im September geboren. Unsere Ältestes ist 13, unser zweiter Sohn ist jetzt neun und dann haben wir noch zwei Regenbogenkinder hinterher bekommen.

Der Florian war ein absolutes Wunschkind, weil ich immer das Gefühl hatte, drei Kinder an der Hand ist irgendwie so die richtige Anzahl, auch am Esstisch, dass war irgendwie immer so das Bild was ich hatte und habe mich auch mit den beiden Kindern nicht vollzählig gefühlt. Wir haben etwa zehn Monate gebraucht bis Florian sich angekündigt hat. Es war ein auf und ab. Wir waren auch viel im Gespräch mit der Frauenärztin, um zu gucken woran liegt es und warum kommt diese dritte Schwangerschaft nicht, wobei wir beim zweiten Kind auch schon 13 Monate gebraucht haben. Dann war es eigentlich relativ überraschend, dass er sich im Frühsommer angekündigt hat. Wir waren total glücklich, die Großen waren total glücklich. Hannah war zu dem Zeitpunkt acht und der Leonard vier Jahre alt. Wir haben uns einfach riesig gefreut, dass noch das dritte Kind an der Hand kommt.

Gab es Anzeichen, dass die Schwangerschaft nicht halten könnte?

Wir haben in der neunten Schwangerschaftswoche das erste Mal eine kleine Blutung gehabt. Wir sind Sonntagabend noch ins Krankenhaus gefahren, weil ich einfach wissen wollte was los ist. Ich kannte das auch so von den Großen nicht. Also das war schon so die erste Auffälligkeit im Vergleich zu den anderen Schwangerschaften, wo der Arzt dann relativ stumpf sagte: „Naja das ist halt öfter und die Chance ist 50:50, dass es gut ausgeht.“

Wir hatten aber immer im Hinterkopf dass Freunde von uns, die komplette Schwangerschaft durchgeblutet haben und der Kleine zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre alt war. Also für mich war das überhaupt kein Grund irgendwie an dieser Schwangerschaft zu zweifeln. Ich habe mich dann, zumindest für meine Verhältnisse, relativ viel geschont. Ich hatte dann alle zwei Wochen Kontrolltermine, wo außer einem Hämatom, immer alles gut war.

Mitte August haben wir erfahren, dass es ein kleiner Junge wird und ich habe angefangen die Mädchensachen zu verkaufen, weil was soll schon noch passieren. Wir wissen ja, dass es ein kleiner Junge wird und natürlich haben wir am Ende der Schwangerschaft dieses Kind im Arm.

In welcher Schwangerschaftswoche habt ihr die Diagnose „kein Herzschlag mehr“ erhalten?

Anfang September hat mein Bruder geheiratet und an dem Wochenende selber war auch noch wirklich alles gut und die Übelkeit ließ nach. Eigentlich ein wunderschönes Wochenende mit Florian im Bauch und dem Gefühl, wir haben ihn Anfang des Jahres in den Armen. Montags habe ich noch eine Freundin besucht, die frisch entbunden hatte. Und dienstags bin ich mit Hannah zum Frauenarzt, weil wir in der 17. Schwangerschaftswoche waren und wir gedacht haben, naja 17. SSW da sieht man ja richtig schön was und sie ist große Schwester, freut sich ja auch drauf und sie war total neugierig: „Wie sieht mein Bruder aus? Wie sieht so ein Ultraschall überhaupt aus?

Die Frauenärztin hat erst vaginal geschaut, wegen dem Hämatom. Zu dem Zeitpunkt habe ich aber noch gar nicht realisiert, dass sie schon längst wusste was los ist. Sie hat dann versucht Hannah mit einer Packung Gummibärchen aus dem Raum zu locken, aber in dem Moment war glaube für Hannah klar, sie ist da sehr empfindsam und einfühlsam, dass irgendwas nicht stimmt und hat den Raum auch nicht verlassen. Die Frauenärztin guckte mich nur an und schüttelte den Kopf.

In dem Moment bist du einfach in einer totalen Schockstarre, weil Du zum einen weißt, irgendwas ist mit Deinem Kind, also das Herz schlägt nicht mehr und auf der anderen Seite weißt Du, Du hast Deine achtjährige Tochter dabei, wenn die Diagnose fällt, Dein Bruder ist tot. Das war schon echt ein heftiger Einschnitt, ein heftiger Moment.

Vielleicht noch als Hintergrund: Mein Mann ist montags dienstlich nach Straßburg gefahren und war dienstags in Verdun, die große Schlacht des ersten Weltkriegs. Ich meine wo sind Tod und Verwundung näher als in Verdun. Letztendlich war es irgendwie eine ganz unwirkliche Situation.

Irgendwie haben wir Hannah doch noch aus dem Behandlungsraum raus bekommen. Aber letztendlich war klar, das Herz schlägt nicht mehr und ich muss ins Krankenhaus, um die Diagnose zu bestätigen.

Wie war der Ablauf in der Klinik? Was hättest Du Dir anders gewünscht?

Das ist eine relativ große Klinik, wo auch die beiden großen Kinder geboren wurden und wo vor den Kreißsälen immer sehr, sehr viel los ist und wo sich der Untersuchungsraum direkt am Kreißsaal anschließt. Da sitzt Du mit dem Wissen Dein Kind ist tot und andere Hochschwangere sitzen da und warten im Prinzip darauf, dass sie in den Kreißsaal dürfen. Das ist keine schöne Situation.

Es ist total unwirklich Du bist irgendwie in Deinem Körper drin, aber irgendwie zeitgleich auch nicht. Als würdest Du einfach so ein bisschen neben Dir stehen. Letztendlich kam die Untersuchung mit der Bestätigung. Für mich war auch klar, es wird keine andere Diagnose geben. Die Frauenärztin hat ja geguckt und wenn sie keine Durchblutung und kein Herzschlag mehr findet, wird es im Krankenhaus keine andere Diagnose geben können. Ja und das war’s dann. Relativ schnell kam: „Kommen Sie morgen früh zur Einleitung“.

Im Nachhinein, wenn Du Dich dann wirklich mehr mit der Thematik beschäftigst und weißt, dass auch mehr Zeit gewesen wäre. Das ist so ein Punkt der tatsächlich nachhängt. Uns damit zu beschäftigen: Was können wir noch tun? Wie viel Zeit haben wir? Wie viel Zeit haben wir wirklich auch Abschied zu nehmen von dieser Schwangerschaft?

Mein Mann war nicht da, den hat mein Vater dann nachts aus Straßburg noch abgeholt. Und am nächsten Morgen sind wir in die Klinik zur Einleitung gefahren. Und da hätten wir glaube ich doch zwei, drei Tage einfach noch gebraucht, um noch ein bisschen zusammen spazieren zu gehen, einfach nochmal das Eine oder Andere zu besprechen. Das ist einfach Zeit, die gefehlt hat. Gerade wenn Du Dich mit dieser Thematik vorher noch nie beschäftigt hast.

Warum sind Bilder vom Sternenkind wichtig?

Im Zweifel gibt es Fotos, die Du Dir nie anguckst, aber es gäbe die Möglichkeit sie auch in fünf Jahren oder in zehn Jahren noch rauszuholen, wenn Du die Fotos anschauen möchtest. Gibt es diese Fotos aber nicht, hast Du keine Chance das nochmal nachzuholen.

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Einer der Punkte, die uns tatsächlich lange nachgehangen haben ist, dass wir keine schönen Bilder von ihm haben. Wir wussten nichts von Dein Sternenkind. Die Klinik hat es uns auch nicht gesagt. Das wäre tatsächlich etwas, was wir gerne gewusst hätten. Auch, dass wir die Großen noch hätten ins Krankenhaus holen können, damit sie wirklich auch vor Ort von ihrem Bruder Abschied nehmen können.

Wir haben jetzt viereinhalb Jahre nur ein Foto von ihm gehabt: Auf der Hand der Ärztin in Gummihandschuhen mit Nabelschnur und Plazenta in der Nierenschale. Das ist natürlich ein Bild, das zeigst Du zum einen keinem und das hängst Du Dir auch nirgendwo in die Wohnung, weil das einfach keinen schönes, pietätvolles Bild ist.

Durch die Nestchen haben wir jetzt die Chance gehabt eine ganz tolle Sternenkind-Fotografin von Dein Sternenkind kennenzulernen. Die uns die Bilder bearbeitet hat. Jetzt haben wir ein Foto von ihm in einer Decke mit einem kleinen Engelchen in der Hand. Das ist ein Foto, das nimmst Du, das hängst Du in die Wohnung oder ins Haus, das zeigst Du, weil es einfach ein Foto ist, was vorzeigbar ist.

Um diese Möglichkeiten zu wissen, brauchst Du einfach Zeit und Du brauchst Personal, was um diese Möglichkeiten weiß, damit es das den Eltern an die Hand geben und die Möglichkeiten darlegen kann. Ob es die Eltern dann in Anspruch nehmen oder nicht steht auf einem völlig anderen Blatt Papier, aber die Eltern müssen um diese Möglichkeiten wissen, damit Sie sich entscheiden können: möchten sie das oder möchten sie das nicht.Im Zweifel bist Du nicht mal in der Lage, Entscheidungen zu treffen und deswegen müssen einfach die Möglichkeiten vor Dir liegen. Und im Zweifel vielleicht auch so ein bisschen durch Ärzte oder Hebammen, die geschult sind, angestupst zu werden, wenn Du als Eltern nicht in der Lage bist die Entscheidung zu treffen: Möchte ich Fotos oder nicht? Das da einfach eine empathische Hebamme oder Krankenschwester sitzt, die so ein bisschen in die Richtung vielleicht auch stupst. Im Zweifel gibt es Fotos, die Du Dir nie anguckst, aber es gäbe die Möglichkeit sie auch in fünf Jahren oder in zehn Jahren noch rauszuholen, wenn Du die Fotos anschauen möchtest. Gibt es diese Fotos aber nicht, hast Du keine Chance das nochmal nachzuholen.

Warum war nach der Geburt eine Ausschabung erforderlich?

Florian ist abends um 22:30 Uhr geboren. Dadurch, dass es – also ich vermute aus medizinischer Sicht – eine frühe Fehlgeburt war, sind die Eihäute noch nicht mit abgegangen. Dadurch musste ich nachts noch in den OP und es lief auch so ein bisschen Richtung Notfall, weil die Ärztin einfach tierisch Angst hatte, dass ich durch diese nicht mit abgegangen Eihäute, anfange zu bluten und es dann tatsächlich in einem Notfall endet.

Was ich mir tatsächlich noch gewünscht hätte, aber wozu du in dem Moment auch einfach nicht in der Lage bist, das zu fordern – ihn zu sehen. Du liegst da ja in Vollnarkose, um diese Rest-Ausschabung zu haben.

Wir wussten zum Beispiel nicht, dass wir ihn nachts noch hätten bei uns haben können. Wir haben ihn kurz gesehen und dann ging es im Prinzip schnell in den OP und dann kommst Du irgendwann nachts aus dem OP, bist natürlich noch total benebelt und irgendwie auch durch die Medikamente gar nicht richtig klar. Auch da fehlt einfach die Zeit.

Morgens haben wir dann darum gebeten, dass ein Seelsorger nochmal zu ihm kommt und ihn segnet, weil uns das total wichtig war und dann sind wir nach Hause entlassen worden. Also körperlich ging es mir gut – zum Glück. Da gibt’s ja auch durchaus ganz andere Fälle, wenn es mit Not-Kaiserschnitt oder Ähnlichem vonstatten geht und es den Frauen auch tatsächlich körperlich noch richtig, richtig schlecht geht.

Hattest Du eine Hebamme, die Dich nach der Geburt begleitet hat?

Wir hatten zum Glück eine sehr, sehr empathische Hebamme, die uns bei der zweiten Geburt auch schon zur Seite gestanden hat. Die auch ja um die „Schwierigkeiten“ schwanger zu werden wusste.  Also die unsere komplette Geschichte mitverfolgt hat. Die auch um die Blutungen wusste und uns auch im Vorfeld wirklich gut zur Seite gestanden hat, die ich direkt angerufen habe als ich die Diagnose hatte, die gesagt hat: „Pass auf, der seelische Schmerz reicht, lass Dir Medikamente geben. Du musst nicht noch körperlich unter der ganzen Situation leiden.“ Und sie ist tatsächlich auch, ich glaube, eine Woche lang, jeden Tag da gewesen. Und das ist auch meine dringende Empfehlung: Sucht euch eine wirklich gute Hebamme, von Anfang an. Die einfach da ist und die kommt. Ihr habt den Anspruch darauf, dass sie euch begleitet. Und ja, um in den ersten Gesprächen auch wirklich emotional aufgefangen zu werden, ist das wirklich wirklich Gold wert.

Und das ist auch meine dringende Empfehlung: Sucht euch eine wirklich gute Hebamme, von Anfang an. Die einfach da ist und die kommt. Ihr habt den Anspruch darauf, dass sie euch begleitet. Und ja, um in den ersten Gesprächen auch wirklich emotional aufgefangen zu werden, ist das wirklich wirklich Gold wert.

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Und gerade auch für die frühen Geburten, wenn es ein früher Abgang ist und die Frau tatsächlich sich gegen eine Ausschabung entscheidet, dass die Hebamme auch zu Hause die kleine Geburt begleiten darf. Und gerade da, die Frauen auch wirklich viel Zeit haben dürfen.

Wie sind Familie und Freunde nach der Fehlgeburt mit Euch umgegangen? 

Sehr unterschiedlich. Im Prinzip gab es keinen Mittelweg. Es gab eigentlich nur wenige,  die wirklich empathisch da waren. Zwei Freundinnen, die am nächsten und übernächsten Tag direkt mit Blumen und kleinen Taschen vor der Tür standen. Und diejenigen, die es gefühlt von sich weg geschoben haben und glaube ich, einfach froh waren, dass es sie selber nicht betroffen hat. Wir wohnen in einem kleinen Ort hier und ja, wir waren eine ganze Zeit lang, diejenigen mit dem toten Kind. Wo wir auch einfach realisiert haben, dass Leute das Geschäft verlassen haben, wenn wir das Geschäft betreten haben. Keiner möchte den Tod in seinem Leben haben und schon gar nicht den Tod von einem Kind. Das ist glaube ich bei der Vorstellung alleine schon so schmerzhaft, dass man das einfach von sich weg schiebt.

Wir hatten aber zwei wirklich tolle langjährige Freundinnen und befreundete Familien, die uns wirklich sehr gut aufgefangen haben, die heute noch an seinem Geburtstag schreiben, die ein kleines Geburtstagsgeschenk für ihn vorbeibringen, also die einfach wirklich geblieben sind und immer noch da sind.

Jetzt muss man vielleicht bei der einen dazu erzählen, dass sie vor 11 Jahren ihren Vater sehr spontan und schnell durch einen Herzinfarkt verloren hat, wo zumindest schon mal das Thema Tod auch bei ihr im Leben angekommen ist. Und sie hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Vater. Eine völlig andere Ebene, weil es der Vater ist und nicht das eigene Kind, aber zumindest war einfach schon mal diese Berührung da und dieses Empfinden: Wie geht es mir eigentlich, wenn jemand stirbt, den ich sehr lieb habe und der einfach ein Leben lang weiterhin fehlen wird?

Wir sind von Anfang an sehr sehr offen mit der Thematik umgegangen. Selbst bei Fremden erzählen wir eigentlich relativ schnell, dass wir eigentlich fünf Kinder haben und nicht nur vier. Bei vielen muss man ehrlicherweise sagen, je offener man selber mit dieser Thematik umgeht desto offener kommen die Leute auch auf einen zurück oder erzählen von eigenen Erlebnissen. So, dass sich da irgendwie eine neue Basis öffnet. Aber es bleiben natürlich diejenigen, die das komplett von sich wegschieben und leider auch zum Teil im sehr engen Familienverbund.

Wann ist der richtige Zeitpunkt nach einer kleinen oder stillen Geburt wieder schwanger zu werden?

Ich glaube da muss man tatsächlich unterscheiden, ist zumindest so meine Erfahrung, zwischen der Position Mann und der Position Frau. Der Mann hat ja in der Regel noch gar nicht so die Verbindung zu dem Kind, zumindest in den früheren Wochen. Und er hat demzufolge auch gar nicht diese Empfindung, wie es sich anfühlt plötzlich einen leeren Bauch zu haben. Dieses Gefühl ist einfach nicht zu unterschätzen.

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Ich glaube da muss man tatsächlich unterscheiden, ist zumindest so meine Erfahrung, zwischen der Position Mann und der Position Frau. Der Mann hat ja in der Regel noch gar nicht so die Verbindung zu dem Kind, zumindest in den früheren Wochen. Und er hat demzufolge auch gar nicht diese Empfindung, wie es sich anfühlt plötzlich einen leeren Bauch zu haben. Dieses Gefühl ist einfach nicht zu unterschätzen.

Du wechselst die Hosen in der Schwangerschaft, Du hast vielleicht die Situation, dass Du den Kaffee nicht mehr trinken magst. Also dieses ganze Körperliche, was mit der Schwangerschaft einhergeht, ist dann auch relativ schnell wieder vorbei. Ich bin mit den normalen Hosen aus dem Krankenhaus, wie bei den anderen Geburten auch. Bei den anderen Geburten, wo Du ein lebendes Kind im Arm hast, freust Du Dich tierisch, dass Du wieder in die normalen Hosen reinpasst. In dem Moment verfluchst Du das. Bei den anderen Kindern habe ich mich darauf gefreut, dass ich wieder einen Kaffee trinken mochte. Dass ich plötzlich nach Florian wieder einen Kaffee trinken wollte – ich habe es verflucht. Das sind so diesen Gefühle und dann einfach dieses Gefühl Dein Bauch ist leer und dieses Bedürfnis, dass wieder jemand in Deinem Bauch wohnt und heranwächst.

Zumal bei uns auch hinzu kam, der Leonard war vier und wir wollten keinen riesen Altersabstand. Wir hätten ihn lieber ein bisschen kleiner gehabt. Jetzt wären das sowieso schon viereinhalb Jahre gewesen, Tendenz ja noch mal mehr Jahre durch die verzögerte Schwangerschaft oder die folgende Schwangerschaft. Sodass, für mich dieses Bedürfnis, wieder schwanger zu sein, ziemlich groß war. Für meinen Mann war glaube ich in dem Moment eher die Problematik: „Oh Gott was ist, wenn es noch mal schief geht? Was macht es dann mit uns?

Es sind glaube ich ziemlich viele Gefühle, die da irgendwie mit rein spielen. Es wird keinen richtigen Zeitpunkt geben, dass ist glaube ich, das was man definitiv sagen kann. Bei uns war es dann Mitte Januar, da haben wir positiv getestet, sodass es relativ zügig war. Aber wir haben auch gar nicht damit gerechnet, dass es so schnell wieder funktioniert, also für uns war eigentlich klar, es wird gegebenenfalls länger dauern.

Und dann hast Du das komplette Spektrum: „Ich habe die Trauer eigentlich noch gar nicht richtig verarbeitet oder diese Trauer ist nach wie vor da.“ Da darf man auch nicht vergessen, dass die Trauer nie enden wird, sie wandelt sich. Das ist definitiv etwas, was wir jetzt nach fünf Jahren sagen können. Aber sie wird immer Teil Deines Lebens bleiben, weil die Liebe zu diesem Kind einfach Teil Deines Lebens bleibt. Und Trauer ist Liebe, dass kann man, glaube ich, als Credo sagen.

Da darf man auch nicht vergessen, dass die Trauer nie enden wird, sie wandelt sich. Das ist definitiv etwas, was wir jetzt nach fünft Jahren sagen können. Aber sie wird immer Teil Deines Lebens bleiben, weil die Liebe zu diesem Kind einfach Teil Deines Lebens bleibt. Und Trauer ist Liebe, dass kann man glaube ich so als Credo sagen.

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Welchen Einfluss hatte die Erfahrung der Fehlgeburt auf die Folgeschwangerschaft?

Vor jedem Arztbesuch und jedem Hebammenbesuch habe ich tierische Angst gehabt, dass wieder der Satz fällt: „Es tut mir leid, aber ich kann keinen Herzschlag finden.“

Ich weiß nicht wie oft ich dieses Kind im Bauch gezankt habe, nur damit sie sich bewegt. Und wie oft wir auf der Bettkante gesessen habe, nach dem Motto: „Ok wenn sie sich jetzt in den nächsten zehn Minuten nicht rührt dann sind wir im Krankenhaus.“ Aber da waren wir tatsächlich gut aufgefangen. Wir hatten sowohl von der Frauenärztin als auch vom Krankenhaus die hundertprozentige Aussage: „Wenn Sie ein komisches Gefühl haben, kommen Sie! Wir gucken nach. Sodass wir uns da auf jeden Fall ernst genommen und auch aufgefangen gefühlt haben und wussten, wir werden nicht blöd angeguckt. Wir klingeln im Zweifel beim Kreißsaal und das Personal weiß bescheid und wir kommen sofort dran, wir hätten auch nicht lange warten müssen.

Aber man darf, glaube ich, auch nicht unterschätzen wie viele Emotionen auf diesem Regenbogenkind lasten. Wir haben sie dann auch zwei Wochen vorher einleiten lassen. Weil das einfach der Zeitpunkt war, wo ich gesagt habe: „Es ist mir total egal, dieses Kind lebt, holt sie einfach nur noch.“

Sie hat sich dann dreieinhalb Tage einleiten lassen und ich glaube, ich war aber kopfmäßig noch nicht soweit, sie wirklich loszulassen. Irgendwie so, dass ich abends zu der Chefärztin gesagt habe: „Was habe ich noch für Möglichkeiten?“ Ich will einfach nur noch, dass dieses Kind auf der Welt ist und lebt. Jetzt weiß ich, sie lebt und möchte auch, dass sie nach der Geburt lebt! Dann hat sie gesagt, es steht auch der Kaiserschnitt im Raum. Das ist ausschließlich meine Entscheidung – sie gehen jeden Schritt mit uns. Nachdem ich wusste, ok wenn am nächsten Tag nichts passiert und ich sage morgens um 10 Uhr jetzt der Zeitpunkt, dann machen die an diesem Tag auch noch den Kaiserschnitt.

Abends um 21:30 Uhr ist die Fruchtblase platzt. Was da kopfmäßig abgeht und emotional abgeht das kann sich, glaube ich, nur jemand ausmalen oder nachempfinden der tatsächlich auch diese Emotionen durchgemacht hat und der genau weiß was in der Folgeschwangerschaft vor sich geht.

Wir hätten den Entbindungstermin kurz nach seinem Geburtstag gehabt. Durch die Einleitung haben wir sie aber kurz vorher zur Welt gebracht. Also a) wollte ich auf gar keinen Fall, dass die beiden Tage zusammenfallen, also dass beide am gleichen Tag Geburtstag haben und das Risiko wäre tatsächlich ziemlich greifbar gewesen und b) hatte ich einfach das Bedürfnis, dass sie da sein muss, wenn sein Geburtstag ist. Ich kann das auch nicht richtig in Worte fassen, sie war ausgerechnet für den 23.09., Florian hat am 14.09. Geburtstag und sie ist dann am 05.09 geboren. Du brauchst auch emotional ein bisschen Abstand, also 13.09. und 14.9. wäre auch irgendwie keine Option gewesen. Weil Du auf der einen Seite den Geburtstag des lebenden Kindes feierst und auf der anderen Seite den Geburtstag des verstorbenen Kindes. Aber du brauchst ja auch irgendwie Vorbereitungszeit – emotional und organisatorisch.

Wir feiern Florians Geburtstag jedes Jahr mit Luftballons und Kuchen auf dem Friedhof als Kernfamilie. Auch das braucht sowohl organisatorisch als auch emotional Vorbereitungszeit. Und die Zeit vor seinem Geburtstag ist tatsächlich immer die emotional am anstrengendste Zeit. So eine Woche vorher. Deswegen ist es total gut, dass die Greta am 05.09. Geburtstag hat. So können wir uns voll auf sie einlassen und haben dann aber noch eine gute Woche, um uns voll auf Florian einzulassen. Und ja auch alles nochmal irgendwie zu durchleben, aber auch vorzubereiten und uns dann in gewisser Weise auch auf seinen Geburtstag zu freuen. Das klingt vielleicht total  komisch, aber sein Geburtstag ist ja nicht nur negativ. Wir haben ein Kind geboren an dem Tag und sind um ein Kind reicher geworden und das was er mit seinen kleinen Füßen auch bei uns und auch für andere bewirkt hat, das ist ja durchaus auch zu schätzen und anzuerkennen.

Aber man darf glaube ich auch nicht unterschätzen wie viele Emotionen auf diesem Regenbogenkind lasten. Wir haben sie dann auch zwei Wochen vorher einleiten lassen. Weil das einfach der Zeitpunkt war, wo ich gesagt habe: „Es ist mir total egal, dieses Kind lebt, holt sie einfach nur noch.“

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Was hat Dir Vertrauen und Sicherheit in der Schwangerschaft mit Deinem Regenbogenbaby gegeben?

Total super war, dass wir zwei Doulas hatten, die einen Folgeschwangerschaftskurs angeboten haben. Durch die Begleitung der Doulas sind wir ganz anders aufgefangen worden und hatten einfach nochmal einen anderen Kontakt zum Kind. Auch wie sie diesen Folgeschwangerschaftskurs gestaltet haben – emotional. Dass ich da auch wirklich dringend zu raten möchte. Sucht euch Hilfe, sucht euch einen Folgeschwangerschaftkurs, sucht euch die Begleitung durch eine Doula, also wenn man dem Ganzen positiv zugewandt ist. Muss jeder für sich selbst entscheiden, aber aus eigener Erfahrung ist das tatsächlich etwas, was uns emotional sehr, sehr aufgefangen hat.

Dass ich da auch wirklich dringend zu raten möchte. Sucht euch Hilfe, sucht euch einen Folgeschwangerschaftkurs.

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Wir waren zu zweit, mittlerweile weiß ich aber, dass es durchaus auch drei, vier oder fünf Frauen parallel in diesem Kurs sind. Im Prinzip so, wie Du die Doula eben beschrieben hast, so haben sie den Kurs auch gestaltet. Also in erster Linie für das positive Empfinden von uns Müttern. Wir haben z.B. einmal Energiekraftkugeln mit Datteln für uns gemacht, um auch den Muttermund weich zu machen. Also das was durch Hebammen letztendlich auch mitgegeben wird an Fachwissen. Einmal war einfach nur Wohlfühlen mit Fußmassage, mit Handmassage und wir haben Bauchabdrücke gemacht, um uns nochmal voll auf dieses Kind einzulassen. Zum Ende hin wurde ein Blessingway gestaltet: Dafür haben wir eine Kerze gestaltet, mit dem Spruch. „Habe Vertrauen.“ Das ist auch unsere Geburtskerze, die hat während der Geburt von Jannik auch die ganze Zeit gebrannt, die hat auch an seinem ersten Geburtstag gebrannt und die wird auch jetzt demnächst an seinem zweiten Geburtstag brennen. Dann noch so ein Lied, was sie uns einfach mitgegeben haben, was ich auch während der Geburt die ganze Zeit im Ohr hatte. Einfach um positive Kraft zu schöpfen, um uns emotional aufzufangen. In der Meditation haben wir die Herzfaden-Meditation gemacht, wo wir wirklich innerlich zu diesem Kind gegangen sind und eine Verknüpfung hergestellt haben.

Ich kann nur für uns beide sprechen. Der anderen Mutter und mir hat es unglaublich viel Kraft gegeben auch einfach emotional aufgefangen zu sein, zu wissen wir können jederzeit auch Kontakt zu den beiden Doulas aufnehmen. Die Hebamme, die so ein bisschen das medizinische abgedeckt hat und auch natürlich auf uns Mütter geguckt hat, aber auch vor allem auf das Kind und die Doula einfach als als Kraftspenderin für uns Mütter.

Was hat Dir Zuversicht gegeben? Was hat Dich gestärkt?

Es gibt so einen schönen Vergleich: Am Anfang hast du einen riesigen Felsbrocken, der auf Dir liegt und im Laufe der Zeit wird er zum kleinen Kieselstein, den Du in der Hosentasche hast, den Du immer mit Dir rum trägst und der auch immer da ist, aber der sich gut tragen lässt.

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe letztens noch mit einer anderen Sternenmama darüber gesprochen. Die Kleine ist jetzt vor eineinhalb Jahren verstorben. Ich glaube es ist wie bei so Vielem. Du siehst am Anfang einen riesen Berg vor Dir und hast überhaupt keine Ahnung wie Du diesen diesen Berg bezwingen sollst. Es gibt so einen schönen Vergleich: Am Anfang hast du einen riesen Felsbrocken, der auf Dir liegt und im Laufe der Zeit wird er zum kleinen Kieselstein, den Du in der Hosentasche hast, den Du immer mit Dir rum trägst und der auch immer da ist. Aber der sich gut tragen lässt.

Und das ist tatsächlich das, was wir jetzt nach ja mittlerweile fünf Jahren wirklich festgestellt haben. Es gibt keinen Tag an dem nicht Florians Name fällt, es hängt ein Ultraschallbild von ihm hier im Wohnzimmer, er taucht auf dem Namensschild an der Haustür auf – er ist einfach präsent hier im Haus. Ich habe auch ganz oft das Gefühl, am Anfang habe ich gedacht ich spinne, jetzt werde ich verrückt, weil so ein Hauch an mir vorbei zog oder das Gefühl er sitzt bei mir auf der Schulter. Und mittlerweile denke ich ganz oft, ach da bist Du wieder, als würde wirklich was hier durch den Raum fliegen oder huschen und mittlerweile denke ich: einfach positiv annehmen. Ich freue mich, dass wir ihn im Herzen tragen dürfen. Aber gerade die erste Zeit, alles das erste Mal durchzumachen das ist schon echt eine Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf.

Wir sind total dankbar, dass wir zwei große Kinder zu dem Zeitpunkt hatten, die uns einfach zum Weitermachen gezwungen haben. Wir mussten aufstehen! Florian hat am 14.09. Geburtstag, am 22.09. hat unsere Große Geburtstag. Wir mussten einfach in den Alltag zurück, wir mussten morgens aufstehen, es gab einen Grund warum wir morgens aufgestanden sind. Und ich mag mir gar nicht ausmalen, wie das ist, wenn Eltern diesen Grund nicht haben. Nicht gezwungen zu werden in den Alltag zurückzukehren. Wir mussten funktionieren, aber im positiven Sinne. Die Abende waren schon lang genug und die Nächte.  Mag mir wirklich nicht ausmalen wie das ist, wenn der Tag auch diese Länge und diese Tragik hat, wo man nicht abgelenkt ist.

Meine Empfehlung ist tatsächlich Kontakt zu anderen Sternenmüttern aufzunehmen. Um nicht das Gefühl zu haben man ist komisch, man ist anders, sondern um tatsächlich die Bestärkung zu bekommen: „Du bist richtig, in Deiner Trauer und in Deinem Empfinden. Du darfst trauern. Du darfst auch so lange trauern, wie es für dich richtig ist.“ Auch nach 2 – 3 Jahren ist nicht jeder Moment gut und nicht jede Phase ist gut. Die Wellen, die bleiben. Sie werden flacher und zeitlich rutschen sie weiter auseinander, aber es gibt auch heute noch Wellen, die uns auch manchmal mit voller Wucht erwischen, weil es dann ein Lied ist, weil es eine Situation ist, die uns zurück katapultiert an die Ausgangssituation. Und das dann einfach anzunehmen und zu sagen, ok. Ich bin im Hier und Jetzt und jetzt gerade ist es Kacke. Das ist total wichtig.

Meine Empfehlung ist tatsächlich Kontakt zu anderen Sternenmüttern aufzunehmen. Um nicht das Gefühl zu haben man ist komisch, man ist anders, sondern um tatsächlich die Bestärkung zu bekommen: „Du bist richtig, in Deiner Trauer und in Deinem Empfinden. Du darfst trauern.“ 

Andrea, Mama von Sternenkind Florian

Was würdest Du anderen Sternenkindeltern mit auf den Weg geben wollen?

Ich wünsche allen Sterneneltern von Herzen gute Wegbegleiter. Damit sie einfach diesen schweren Weg, der vor Ihnen liegt gut bewältigen können. Und ich wünsche mir, dass kein anderes Sternenelternpaar die Hoffnung verliert, sondern wirklich das Kind im Herzen tragen darf und gut aufgefangen wird. Deswegen freue ich mich total dass, es Menschen wie Dich gibt, Daniela, die Angebote für Sterneneltern schaffen und das aktuell wirklich ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet. Genau das brauchen wir. Die Kinder dürfen nicht vergessen werden und die Namen müssen genannt werden.

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In meinen Kursen nach einer kleinen Geburt oder stillen Geburt gibt es Raum für Austausch in einer festen Gruppe und Du lernst verschiedene Möglichkeiten der Trauerarbeit kennen. Zusätzlich gibt es eine gemeinsame Yogapraxis im Kontext Rückbildung, so kommst Du auch körperlich wieder zu Kräften.

Erlaube Dir Hilfe anzunehmen, Du ist nicht allein!

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